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  von Erich Fromm 1900 - 1980
Wege aus einer kranken Gesellschaft
Gesellschaft Dtv 4. Auflage 2004 Übersetzung von „The sane society” 1955
   
  Arrow S. 301    
  Es war das Ziel des modernen Menschen, sich um eine gesunde Gesellschaft zu bemühen. Genauer gesagt, handelt es sich um eine Gesellschaft, deren Mitglieder ihre Vernunft bis zu einer solchen Objektivität entwickelt haben, die es ihnen ermöglicht, sich selbst, die anderen und die Natur in ihrer wahren Wirklichkeit zu sehen und nicht verzerrt durch ein infantiles Gefühl der Allwissenheit oder einen paranoiden Hass. Es handelt sich um eine Gesellschaft, deren Mitglieder ihre Unabhängigkeit so weit entwickelt haben, dass sie den Unterschied zwischen Gut und Böse erkennen können, dass sie ihre eigene Entscheidung treffen können, dass sie Überzeugungen und nicht nur Meinungen haben und einen Glauben besitzen statt abergläubische Vorstellungen und nebelhafte Hoffnungen. Es handelt sich um eine Gesellschaft, deren Mitglieder die Fähigkeit entwickelt haben, ihre Kinder, ihre Nachbarn einschließlich sich selbst und die ganze Natur zu lieben; die sich mit allen eins fühlen und sich trotzdem das Gefühl der Individualität und Integrität erhalten haben, die durch ihre schöpferische Tätigkeit, und nicht indem sie etwas zerstören, über die Natur hinauswachsen.    
     
  Arrow S. 303    
  Doch leider steht uns nicht einmal dann, wenn wir einen Krieg vermeiden können, eine leuchtende Zukunft in Aussicht. In der Entwicklung des Kapitalismus und des Kommunismus wird - soweit wir das für die nächsten fünfzig oder hundert Jahre voraussehen können - der Prozess der Automatisierung und Entfremdung weiter fortschreiten. Beide Gesellschaften entwickeln sich zu Manager-Gesellschaften mit wohlgenährten und gutgekleideten Bewohnern, deren Wünsche befriedigt werden und die keine Wünsche haben, die man nicht befriedigen könnte. Es werden Automaten sein, die folgen, ohne dass man Gewalt anwenden müsste, die auch ohne Führer gelenkt werden, die Maschinen herstellen, die sich wie Menschen benehmen, und die Menschen produzieren, die sich wie Maschinen benehmen, Menschen, mit deren Vernunft es immer mehr abwärts geht, während ihre Intelligenz zunimmt, wodurch die gefährliche Situation entsteht, dass der Mensch über die größte materielle Macht verfügen wird, ohne die Weisheit zu besitzen, sie richtig anzuwenden.    
     
  Arrow S. 304    
  Unsere einzige Alternative zum drohenden Robotertum ist der humanistische kommunitäre Sozialismus. Dabei geht es nicht in erster Linie um die juristische Regelung der Besitzverhältnisse und auch nicht um die Aufteilung des Profits; es geht vielmehr um die Teilhabe an der Arbeit und am Erleben.    
  Arrow S. 306    
  Der heutige Mensch steht vor der entscheidenden Wahl (...) zwischen dem Robotertum (...) und dem humanistischen kommunitären Sozialismus. Das meiste scheint darauf hinzuweisen, dass er sich für das Robotertum entscheiden wird, und das bedeutet auf die Dauer inneren Zerfall und Zerstörung. Und doch reichen alle diese Tatsachen nicht aus, den Glauben an die Vernunft des Menschen, an seinen guten Willen und seine innere Gesundheit zu zerstören. Solange wir uns noch Alternativen ausdenken können, sind wir noch nicht verloren. Freilich werden die Schatten schon länger und die Stimmen der Unvernunft werden lauter. Die Verwirklichung eines Zustands der Humanität, der den Visionen unserer großen Lehrer entspricht, liegt in unserer Reichweite, und trotzdem laufen wir Gefahr unsere gesamte Zivilisation zu vernichten oder zu Robotern zu werden. Einem kleinen Stamm wurde vor Tausenden von Jahren gesagt: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben.” (Dtn 30,19).
Vor diese Wahl sind auch wir gestellt.
   
     
  von Erich Fromm 1900 - 1980
Die Kunst des Liebens
Ullstein 52. Auflage 1998 Übersetzung von <The Art of Loving> 1956
   
  Arrow S. 20    
  Der Mensch ist mit Vernunft ausgestattet; er ist Leben das sich seiner selbst bewusst ist. Er besitzt ein Bewusstsein seiner selbst, seiner Mitmenschen, seiner Vergangenheit und der Möglichkeiten zur Zukunft. Dieses Bewusstsein seiner selbst als einer eigenständigen Größe, das Gewahrwerden dessen, dass er ohne seinen Willen geboren wurde und gegen seinen Willen sterben wird, dass er vor denen, die er liebt, sterben wird (oder sie vor ihm), dass er allein und abgesondert und den Kräften der Natur und der Gesellschaft hilflos ausgeliefert ist – all das macht seine abgesonderte, einsame Existenz zu einem unerträglichen Gefängnis. Er würde dem Wahnsinn verfallen, wenn er nicht in irgendeiner Form seine Hände nach anderen Menschen ausstrecken und sich mit der Welt außerhalb seiner selbst vereinigen könnte.    
     
  Arrow S. 22    
  Das Bewusstsein der menschlichen Getrenntheit ohne die Wiedervereinigung durch die Liebe ist die Quelle der Scham. Und es ist gleichzeitig die Quelle von Schuldgefühl und Angst.    
  Arrow S. 34    
  Die bei einer produktiven Arbeit erreichte Einheit ist nicht zwischenmenschlicher Art; die bei einer orgiastischen Vereinigung erreichte Einheit ist nur vorübergehend; die durch Konformität erreichte Einheit ist eine Pseudo-Einheit. Daher sind alle diese Lösungen nur Teillösungen für das Problem der Existenz. Eine voll befriedigende Antwort findet man nur in der zwischenmenschlichen Einheit, in der Vereinigung mit einem anderen Menschen, in der Liebe. Dieser Wunsch nach einer zwischenmenschlichen Vereinigung ist das stärkste Streben im Menschen. Es ist seine fundamentalste Leidenschaft, es ist die Kraft, welche die menschliche Rasse, die Sippe, die Familie, die Gesellschaft zusammenhält. Gelingt diese Vereinigung nicht, so bedeutet das Wahnsinn oder Vernichtung – Selbstvernichtung oder Vernichtung anderer. Ohne Liebe könnte die Menschheit nicht einen Tag existieren.    
  Arrow S. 39    
  Im Gegensatz zur symbiotischen Vereinigung ist die reife Liebe eine Vereinigung, bei der die eigene Integrität und Individualität bewahrt bleibt. Liebe ist eine aktive Kraft im Menschen. Sie ist eine Kraft welche die welche die Wände niederreisst, die den Menschen von seinem Mitmenschen trennen, eine Kraft, die ihn mit anderen vereinigt. Die Liebe lässt ihn das Gefühl der Isolation und Abgetrenntheit überwinden und erlaubt ihm, trotzdem er selbst zu sein und seine Integrität zu behalten. In der Liebe kommt es zu dem Paradoxon, dass zwei Wesen eins werden und trotzdem zwei bleiben.    
     
  Arrow S. 46    
  Die Liebe ist nicht nur ein Geben, ihr `aktiver` Charakter zeigt sich auch darin, dass sie in allen ihren Formen stets folgende Grundelemente enthält: Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis.    
  Arrow S. 121    
  Das hat zur Folge, dass man das letzte Ziel nicht mehr auf denkerischem Weg zu finden suchte. Das Denken kann uns nur zur Erkenntnis führen, dass es selbst uns die letzte Antwort nicht geben kann. Die Welt des Denkens bleibt in Paradoxien verfangen. Die einzige Möglichkeit, die Welt letztlich zu erfassen, liegt nicht im Denken, sondern im Akt, im Erleben von Einssein. So führt die paradoxe Logik zu dem Schluss, dass die Gottesliebe weder im verstandesmäßigen Wissen über Gott noch in der gedanklichen Vorstellung, ihn zu lieben, besteht, sondern im Akt des Erlebens des Einsseins mit Gott.    
  Arrow S. 124    
  Diese Betonung des Denkens hatte noch eine weitere, historisch höchst bedeutungsvolle Konsequenz. Die Idee, dass man die Wahrheit auf dem Weg des Denkens finden könne, führte nicht nur zum Dogma, sondern auch zur Wissenschaft: Beim wissenschaftlichen Denken kommt es allein auf das korrekte Denken an, und zwar sowohl in bezug auf die intellektuelle Ehrlichkeit wie auch in bezug auf die Anwendung des wissenschaftlichen Denkens auf die Praxis – das heisst auf die Technik. Kurz, das paradoxe Denken führt zur Toleranz und zur Bemühung, sich selbst zu wandeln. Der aristotelische Standpunkt führt zum Dogma und zur Wissenschaft, zur katholischen Kirche und zur Entdeckung der Atomenergie.    
     
  Arrow S. 129    
  Die menschliche Energie und Geschicklichkeit hat keinen Tauschwert, wenn sie unter den derzeitigen Marktbedingungen nicht gefragt ist. Wer über Kapital verfügt, kann Arbeitskraft kaufen und so einsetzen, dass er sein Kapital gewinnbringend anlegt. Wer nur über Arbeitskraft verfügt, muss sie zu den jeweiligen Marktbedingungen an die Kapitalisten verkaufen, wenn er nicht verhungern will. Diese wirtschaftliche Struktur spiegelt sich in der Hierarchie der Werte wider. Das Kapital dirigiert die Arbeitskraft; angesammelte, tote Dinge besitzen einen höheren Wert als das Lebendige, die menschliche Arbeitskraft und Energie.    
  Arrow S. 132    
  Was kommt dabei (aus der kapitalistischen Arbeitsteilung / Anm. JT) heraus? Der moderne Mensch ist sich selbst, seinen Mitmenschen und der Natur entfremdet. Er hat sich in eine Gebrauchsware verwandelt und erlebt seine Lebenskräfte als Kapitalanlage, die ihm unter den jeweiligen Marktbedingungen den größtmöglichen Profit einzubringen hat. Die menschlichen Beziehungen sind im wesentlichen die von entfremdeten Automaten.    
     
  Arrow S. 156    
  Liebe ist nur möglich, wenn sich zwei Menschen aus der Mitte ihrer Existenz heraus miteinander verbinden, wenn also jeder sich selbst aus der Mitte seiner Existenz heraus erlebt. Nur dieses „Leben aus der Mitte“ ist menschliche Wirklichkeit, nur hier ist Lebendigkeit, nur hier ist die Basis für Liebe. Die so erfahrene Liebe ist eine ständige Herausforderung; sie ist kein Ruheplatz, sondern bedeutet, sich zu bewegen, zu wachsen, zusammenzuarbeiten. Ob Harmonie waltet oder ob es Konflikte gibt, ob Freude oder Traurigkeit herrscht, ist nur von sekundärer Bedeutung gegenüber der grundlegenden Tatsache, dass zwei Menschen sich vom Wesen ihres Seins her erleben, dass sie miteinander eins sind, indem sie mit sich selbst eins sind, anstatt vor sich selber auf der Flucht zu sein. Für die Liebe gibt es nur einen Beweis: die Tiefe der Beziehung und die Lebendigkeit und Stärke in jedem der Liebenden. Das allein ist die Frucht, an der die Liebe zu erkennen ist.    
  Arrow S. 159    
  Der moderne Mensch hat sich in eine Ware verwandelt; er erlebt seine Lebensenergie als Investition, mit der er entsprechend seiner Stellung und seiner Situation auf dem Personalmarkt einen möglichst hohen Profit erzielen möchte. Er ist sich selbst, seinen Mitmenschen und der Natur entfremdet. Sein Hauptziel ist, mit seinen Fertigkeiten, seinem Wissen und sich selbst, kurz: mit seiner „Persönlichkeit”, ein möglichst gutes Geschäft zu machen mit anderen, die genau wie er an einem fairen und gewinnbringenden Tauschhandel interessiert sind. Sein Leben hat kein Ziel außer dem einen: voranzukommen; keinen Grundsatz außer dem einen: ein faires Tauschgeschäft zu machen; und er kennt keinen Befriedigung außer der einen: zu konsumieren.    
     
  Arrow S. 162/167    
  Nachdem wir uns bisher mit dem theoretischen Aspekt der Kunst des Liebens befasst haben, stehen wir jetzt vor dem weit schwierigeren Problem, wie man die Kunst des Liebens in der Praxis umsetzen kann. (…). Vor allem erfordert die Ausübung einer Kunst Disziplin. (…). Dass diese Konzentration eine unumgängliche Vorbedingung für die Meisterschaft in einer Kunst ist, bedarf kaum eines Beweises. (…). Eine dritte Voraussetzung ist die Geduld. (…). Schließlich gehört auch noch zu den Vorbedingungen für die Erlernung einer Kunst, dass es einem sehr wichtig ist, darin Meister zu werden. Wenn die Kunst dem Lehrling nicht von großer Wichtigkeit ist, wird er sie nie erlernen. (…). Unsere gesamte Persönlichkeit muß zu einem Instrument zur Ausübung der Kunst werden und muß je nach den speziellen Funktionen, die es zu erfüllen gilt, in Form gehalten werden. Bezüglich der Kunst des Liebens bedeutet das, dass jeder, der ein Meister in dieser Kunst werden möchte, in jeder Phase seines Lebens Disziplin, Konzentration, und Geduld praktisch üben muß.    
  Arrow S. 177/178    
  Nach allem, was ich über das Wesen der Liebe gesagt habe, ist die Hauptvoraussetzung für die Fähigkeit, lieben zu können, dass man seinen Narzissmus überwindet. Der narzisstisch Orientierte erlebt nur das als real, was in seinem eigenen Inneren existiert, während die Erscheinungen in der Außenwelt für ihn an sich keine Realität besitzen, sondern nur daraufhin erfahren werden, ob sie für ihn selbst von Nutzen oder gefährlich sind. Das Gegenteil von Narzissmus ist Objektivität; damit ist die Fähigkeit gemeint, Menschen und Dinge so zu sehen, wie sie sind, also objektiv, und in der Lage zu sein, dieses objektive Bild von einem Bild zu trennen, das durch die eigenen Wünsche und Ängste zustande kommt.    
     
  Arrow S. 180    
  Vernunft ist die Fähigkeit, objektiv zu denken. Die ihr zugrundeliegende emotionale Haltung ist die Demut. Man kann nur objektiv sein und sich seiner Vernunft bedienen, wenn man demütig geworden ist und seine Kindheitsträume von Allwissenheit und Allmacht überwunden hat. Auf die Praxis der Kunst des Liebens bezogen, bedeutet dies: Da die Fähigkeit zu lieben davon abhängt, dass unser Narzissmus relativ gering ist, verlangt diese Kunst die Entwicklung von Demut, Objektivität und Vernunft (Hervorhebung JT).    
  Arrow S. 182    
  Dieser Prozess des Sichlösens, des Geborenwerdens, des Erwachens hat als unumgängliche Voraussetzung den Glauben. Die Praxis der Kunst des Liebens erfordert die Praxis des Glaubens. (…) Wenn man das Problem des Glaubens auch nur ansatzweise verstehen will, muss man zwischen dem rationalen und dem irrationalen Glauben unterscheiden. Unter einem irrationalen Glauben verstehe ich einen Glauben (an eine Person oder eine Idee), bei dem man sich einer irrationalen Autorität unterwirft. Im Gegensatz dazu handelt es sich beim rationalen Glauben um eine Überzeugung, die im eigenen Denken oder Fühlen wurzelt. Rationaler Glaube meint jene Qualität von Gewißheit und Unerschütterlichkeit, die unseren Überzeugungen eigen ist. Glaube ist ein Charakterzug, der die Gesamtpersönlichkeit beherrscht, und nicht ein Glaube an etwas ganz Bestimmtes.    
     
  Arrow S. 187/188    
  Der Höhepunkt des Glaubens an andere wird im Glauben an die Menschheit erreicht. (…) Genau wie der Glaube an ein Kind, gründet auch er sich auf die Idee, dass die dem Menschen gegebenen Möglichkeiten derart sind, dass er unter entsprechenden Bedingungen die Fähigkeit besitzt, eine von den Grundsätzen der Gleichheit, Gerechtigkeit und Liebe getragene Gesellschaftsordnung zu errichten. Noch ist dem Menschen der Aufbau einer solchen Gesellschaftsordnung nicht gelungen, und deshalb erfordert die Überzeugung, dass er dazu in der Lage sein wird, Glauben. Aber genau wie bei jeder Art von rationalem Glauben handelt es sich auch hier um kein Wunschdenken, sondern gründet sich auf die unleugbaren Leistungen der Menschheit in der Vergangenheit und auf die Erfahrungen, die jeder einzelne in eigenen Inneren mit seiner Fähigkeit zu Vernunft und Liebe macht. (…). Die Grundlage des rationalen Glaubens ist die Produktivität. Aus dem Glauben heraus leben heisst produktiv leben.    
  Arrow S. 189    
  Glauben erfordert Mut. Damit ist die Fähigkeit gemeint, ein Risiko einzugehen, und auch die Bereitschaft, Schmerz und Enttäuschung hinzunehmen. Wer Gefahrlosigkeit und Sicherheit als das Wichtigste im Leben ansieht, kann keinen Glauben haben.    
     
  Arrow S. 191/192    
  Das praktische Üben von Glauben und Mut fängt bei ganz kleinen Dingen des täglichen Lebens an. Die ersten Schritte hierzu sind: darauf zu achten, wo und wann man den Glauben verliert, die Rationalisierungen zu durchschauen, deren man sich bedient, um diesen Glaubensverlust zu verdecken, zu erkennen, wo man sich feige verhält und welche Rationalisierung man hierbei anwendet, zu merken, wie jeder Verrat am Glauben uns schwächt und wie jede neue Schwächung zu einem neuen Verrat führt und dass dies ein Teufelskreis ist. Dann werden wir auch erkennen, dass wir bewusst zwar Angst haben, nicht geliebt zu werden, dass wir uns aber in Wirklichkeit – wenngleich meist unbewusst – davor fürchten, zu lieben. Lieben heißt, dass wir uns dem anderen ohne Garantie ausliefern, dass wir uns der geliebten Person ganz hingeben in der Hoffnung, dass unsere Liebe auch in ihr Liebe erwecken wird. (…) Eine Haltung jedoch, die für die Ausübung der Kunst des Liebens unentbehrlich ist und die wir bisher nur nebenbei erwähnt haben, sollte an dieser Stelle ausdrücklich diskutiert werden, da sie die Grundlage für die Praxis des Liebens ist: die Aktivität im Sinne des aus sich heraus Tätigseins.    
  Arrow S. 197    
  Ich bin der Überzeugung, dass die absolute Unvereinbarkeit von Liebe und `normalem` Leben nur in einem abstrakten Sinn richtig ist. Unvereinbar miteinander sind das der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zugrundeliegende Prinzip und das Prinzip der Liebe. Aber konkret gesehen ist die moderne Gesellschaft ein komplexes Phänomen.    
  Arrow S. 199    
  Wenn das, was ich zu zeigen versuchte, zutrifft – dass nämlich die Liebe die einzig vernünftige und befriedigende Lösung des Problems der menschlichen Existenz darstellt, dann muss jede Gesellschaft, welche die Entwicklung der Liebe so gut wie unmöglich macht, auf die Dauer an ihrem Widerspruch zu den grundlegenden Bedürfnissen der menschlichen Natur zugrunde gehen. Wenn man von der Liebe spricht, ist das keine „Predigt“, denn es geht dabei um das tiefste, realste Bedürfnis eines jeden menschlichen Wesens. Dass dieses Bedürfnis so völlig in den Schatten gerückt ist, heißt nicht, dass es nicht existiert. Das Wesen der Liebe zu analysieren heißt, ihr allgemeines Fehlen heute aufzuzeigen und an den gesellschaftlichen Bedingungen Kritik zu üben, die dafür verantwortlich sind. Der Glaube an die Möglichkeit der Liebe als einem gesellschaftlichen Phänomen und nicht nur als einer individuellen Ausnahmeerscheinung ist ein rationaler Glaube, der sich auf der Einsicht in das wahre Wesen des Menschen gründet.